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Der Hund in meiner Welt

Manchmal frage ich mich, wie Hunde uns die Welt erklären würden, wenn sie unsere Sprache sprechen könnten.

Ich denke dabei irgendwie direkt an die Serie „Alf“, die davon handelt, dass ein Außerirdischer nach dem Absturz seines Raumschiffes in der Garage einer Amerikanischen Familie landet und von dort an bei dieser Familie lebt. Alf kann in der Serie reden und mit „seinen“ Menschen durch gesprochene Sprache kommunizieren.
Aber Alf bringt auch seine ganz eigenen Ideen vom Leben mit, hält sich oft nicht an die gesellschaftlichen Regeln, die wir Menschen als normal und anständig empfinden. Dabei ist er einfach lustig und durch seinen komplett behaarten Körper (ich würde es schon als Fell bezeichnen) assoziiere ich ihn schon stark mit einem Haustier. Aber eben ein Haustier das sprechen kann.

Alf hat Katzen zum Fressen gern, genau wie meine Hündin Sunny.
Alf hat kein Gefühl für Geld, genau wie meine Hündin Sunny.
Von Alf werden Anpassungsleistungen erwartet, die er aber einfach nicht erfüllt und trotzdem liebt seine Familie ihn doch. Mh, auch irgendwie wie bei unseren Hunden.

Leinenführigkeit - Laufen an lockerer LeineWas würde sie mir wohl alles erzählen und fragen, wenn sie könnte?

Wertvorstellung, Kommunikationsfehler und ganz viele Fragen

Ein Welpe kommt als Hund auf die Welt mit seiner ganz eigenen (Körper-) Sprache. Dann landet er bei Menschen, die ebenfalls eine sehr eigene Sprache sprechen und dazu noch eine ganz eigene Vorstellung von Werten und „Benehmen“ haben.

Was würden uns unsere Hunde sagen, wenn sie könnten? Was wäre für sie nicht verständlich? Worüber würden sie Grübeln und uns Fragen stellen?

Ich kann mir so manche Szenarien vorstellen:

  • „Hey Mensch, warum darf ich keinen Reizen nachjagen, wenn ich sie als persönlich wichtig erachte?“
    „…Ich bin doch zum Jagen gemacht und sichere mir damit meine Nahrung und somit mein Überleben…“
  • „Hey Mensch, warum lässt du mich ab und an allein in der Wohnung?“
    „…Ich bin doch aufgeschmissen ohne dich, es fühlt sich an als würde ich ohne ein Rudel oder einen Sozialpartner nicht überleben können. Das macht mir Angst bis hin zu Panik. Wieso gehen wir nicht gemeinsam überall hin, so wie ich es mit meinen Hundefreunden auch machen würde?…“
  • „Hey Mensch, warum soll ich auf einem Stück erhöhten Asphalt „Sitz“ machen?“
    „…Du sagst immer was von „an der Straße muss man halten“. Was ist eine Straße und warum muss es denn immer „Sitz“ sein? Das macht keinen Sinn für mich. …“
  • „Hey Mensch, was ist das für eine riesen Kiste, in die du mich mehrmals in der Woche reinsetzt?“
    „…Plötzlich geht die Klappe der Kiste auf und ich bin an einem völlig anderen Ort. Aber warum verbringen wir manchmal nur wenige Minuten und manchmal auch Stunden in der Kiste?
    Ach, und du bist dann gar nicht mehr bei mir, schaust immerzu geradeaus und beachtest mich nicht.
    Manchmal sagst du „ich muss mich konzentrieren beim Autofahren“. …“

Dolmetscher für zwei Welten

Wenige Beispiele, an denen ich versucht habe, sie aus der Sicht meiner Hündin zu betrachten.
Weil das der Alltag in meinem Hundetrainerjob ist.
Übersetzen.
Von Hundesprache zur Menschensprache und umgekehrt. Nur muss ich für den einen das Sprachrohr sein und für den anderen der Übersetzer.

Viele Verhaltensweisen unserer Hunde werden als „problematisch“ eingeordnet, obwohl sie vielleicht einfach nur „normal“ sind.

Zum Beispiel, dass die Aufregung im Auto steigt, weil die Erwartungssicherheit des Hundes abnimmt, weil er nie weiß wo genau er gleich aussteigen wird.

Oder, dass Jagen kein Ungehorsam ist sondern ein Verhalten, das wir Menschen jahrelang züchterisch selektiert haben. Wir Menschen wollten Hunde, die uns unterstützen bei der Jagd. Das bedeutet eben auch, dass Hunde reizempfänglicher sind und somit höchstsensibel auf Reize in ihrer Umgebung reagieren.

Oder, dass Straßen laut sind, dreckig sind, unangenehm riechen und zu einer starken Überreizung führen können. Das System „Straße“ kennt ein Hund nicht. Er kann unterschiedliche Bodenuntergründe wahrnehmen, Geräusche, Gerüche etc. und sich daran orientieren. Und dabei kommen auch immer noch Emotionen ins Spiel. Fühlt Hund sich wohl in dieser Umgebung oder eher nicht? Dann fällt dem einen Hund das ruhige Sitzen in dieser Umgebung deutlich leichter als dem anderen Hund, der sich nicht so gut fühlt.

Ich könnte unendlich so weiter machen, aber dann würde dieser Blog-Artikel viel zu lang werden.

Können Hunde Fragen stellen?

Nun ist es ja so, dass unsere Hunde eben keine Fragen stellen können, oder?
Ich sage Jein.
Sie stellen Fragen in ihrer Sprache. Sie werden aber oft dabei übergangen, überdreht, übersehen.
Fallen auf durch „Fehlverhalten“, werden als „Problemhund“ bezeichnet oder „funktionieren nicht“ wie es von ihnen erwartet wird.

Das ist meistens der Punkt, an dem ein Dolmetscher benötigt wird, auch Hundetrainer*in genannt.

Ich liebe es, mir die Fragen der Hunde herauszuarbeiten und die Fragen der Menschen zu beantworten. Das alles in eine gemeinsame Richtung zu lenken und am Ende ein Team zu sehen, welches sich endlich versteht.

Es gibt einen Satz, der mich als Hundetrainerin immer wieder zum Lächeln bringt:
„Ich sehe meinen Hund jetzt mit ganz anderen Augen.“
Dann weiß ich, wir haben erfolgreich übersetzt.

Der Hund in meiner Welt wird gesehen, verstanden und ganz wichtig: akzeptiert.

Ein bisschen wie Alf in seiner menschlichen Familie.
Sie nähern sich einander an und akzeptieren sich.
Sie lernen sich kennen und schätzen sich wert.
Sie entwickeln eine belastbare Bindung.

Das ist Hundetraining für mich.

14.03.2026 / von Mandy Schwinger

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